ZUVERSICHT

IDEEN - ZUM NACHLESEN

RUND UM DIE BIBEL

Katholisches Bibelwerk Stuttgart e.V.

https://www.bibelwerk.de/portal/

Deutsche Bibelgesellschaft - Evangelische Kirche

https://www.die-bibel.de/

Gedanken über Gott in der Krise

In einem Telefonat höre ich eine Frau sagen: ich glaube, und trau mich fast nicht, es laut auszusprechen, aber Gott hat uns dieses Virus geschickt, damit wir mal zur Besinnung kommen. Und ein Mann erzählt mir, er habe eine Nachricht erhalten, in der deutlich gemacht wird, was Menschen anrichten: Klimawandel, Umweltzerstörung, Kriege, Flüchtlingselend, soziale Ungerechtigkeit und jetzt greife Gott ein, um uns aufzurütteln und zur Vernunft zu bringen.

Wenn etwas Übermächtiges über einen Menschen, in diesem Falle über die Menschheit hereinbricht, stellt sich immer gleich die Frage ein nach dem WARUM? Warum passiert das? Warum widerfährt das mir und meinem Umfeld? Warum lässt Gott das zu?

Was weit weg geschah, konnte ich noch auf Distanz halten, blieb auf Distanz.
Meine Begründung konnte ich mir zurechtlegen, als es weit weg war, „die“ haben wohl etwas falsch gemacht, wie schrecklich, dass ihnen das widerfährt.
Nun rückt es immer näher, ohne dass ich es aufhalten kann,
dem schutzlos ausgeliefert zu sein, macht mir Angst.
Im eigenen Erleben, ausgebremst zu werden, taucht nun diese Frage auf nach dem Warum?

Sie zu beantworten, sagt etwas aus über meinen Glauben und mein Gottesbild.

Würde ich sagen, Gott hat uns das geschickt, damit wir zur Besinnung kommen, würde ich damit zum Ausdruck bringen: Gott erzieht uns und zwar mit allen Mitteln, er beurteilt unser bisheriges Verhalten und kommt zu dem Schluss, so geht es nicht weiter, hier muss ich mal klare Ansagen machen, den Rohrstock rausholen und wahllos zuschlagen und dann noch auf die Schwächsten, eine erzieherische Maßnahme auf Kosten von tausenden Toten?

NEIN, was wäre das für ein entsetzliches Gottesbild?
Glauben heißt für mich, jemandem vertrauen, Gott vertrauen mit meinem ganzen Sein.

Für mich wäre es unvereinbar mit den Bildern von Gott, die mir die Frauen und Männer der Bibel bezeugt haben und die mich in meinem Leben, in Freud und Leid, tragen und stärken:

  • Gott liebt die Menschen und führt sie in die Freiheit, wie im Buch Exodus die Prophetin Mirjiam, Mose und Aaron erzählen.

  • Gott lässt die Menschen nicht alleine, auch nicht in der Kriegs- und Exilszeit, wie die Prophetinnen und Propheten ihre Mitmenschen in der Not ermutigen. Gott bestärkt sie in ihrer schöpferischen Kraft, neue Formen des kulturellen und religiösen Zusammenlebens und des Gebetes zu entwickeln und Tatkraft aus göttlicher Hoffnung und Perspektive zu schöpfen.

  • Die Ruach Gottes, die göttliche Geistkraft, wirkt in uns, wie Paulus, Phoebe, Junia, Prisca und Aquilla erfahren und weitererzählen. Sie hält die Botschaft von der Nähe Gottes in uns wach, wie sie Jesus, d.h. Gott rettet, erfahrbar gemacht hat. Sie befähigt uns, aufeinander zu achten, einander zu helfen. Sie treibt uns an und ermutigt uns, gegen Ungerechtigkeit und Not aufzustehen und Verhältnisse zu verändern.

  • Gott liebt die Menschen mit allen Fasern, wie es die Frauen und Männer in der Nachfolgegemeinschaft Jesu erfahren, allen voran Maria von Magdala: Gott stirbt in seinem unschuldigen, ausgelieferten Sohn Jesus den Verbrechertod mit, erleidet mit ihm den Schmerz der Gott- und Menschenverlassenheit und erweckt und errettet mit ihm zu neuem Leben in Liebe, die stärker ist als der Tod, die gültig bleibt in Ewigkeit.

  • In der Jerusalemer Gemeinde wird am Pfingsttag an die ermutigenden Worte des alttestamentlichen Propheten Joel erinnert: "So spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden prophetisch reden, eure jungen werden Visionen haben und eure alten werden Träume haben. Auch über meine Knechte und Mägde, werde ich von meinem Geist ausgießen." (Apg 2,17f.; Joel 3,1f.)

Vielleicht ist das für manche zu wenig, geradezu die Beschreibung eines ohnmächtigen Gottes? Vielleicht ist für sie „Macht in der Ohnmacht“ ein abwegiger Gedanke?

Aber die Vorstellung von einem Gott als einem Deus ex machina, einem Gott, der die Menschen, wie eine Marionette an den Seilen hält und bewegt, wäre für mich unvereinbar mit der zugesagten Freiheit.
Gott, der mir die Freiheit geschenkt hat, mich zu entfalten und meine Möglichkeiten auszuschöpfen, kann mich nicht am Gängelband führen, kann nicht als Welterklärer und Weltverbesserer von außen in das Weltgeschehen eingreifen, das wäre widersprüchlich oder verlogen. Einen solchen Gott würde ich auch nicht als mächtig ansehen, eher machtversessen. Und mein Vertrauensverhältnis zu Gott wäre zerstört.

Ein Gott, der/die dem Menschen die Freiheit geschenkt hat, weil er/sie den Menschen liebt, muss mit allen Fasern bei diesem Menschen sein, alle Irrungen und Wirrungen mit durchstehen und aushalten, um der Freiheit und der Liebe zu diesem Menschen willen. Dieses Aushalten in Liebe, mit durchstehen und an der Seite bleiben, ist für mich der Ausdruck von machtvoller Ohnmacht, ohnmächtiger Macht, von Stärke und Hingabe, um der Freiheit und der Liebe willen. Das kann nur Gott allein.

Gott schenkt uns Menschen diese Fähigkeit, zu lieben und eine Ahnung zu bekommen, von dem wie Gott ist - wir sind Ebenbild Gottes, wie es die auf Gott vertrauenden Frauen und Männer der Bibel bezeichnen.

Wenn uns, unseren Mitmenschen, der Menschheit Schreckliches widerfährt, ist Gott nicht das strafende Gegenüber, dass es immer schon gewusst hat, NEIN, Gott ist kein Gott des Todes, sondern
JA: Gott ist ein Gott des Lebens, Gott ist und bleibt dem Menschen in Liebe verbunden mit allen Fasern und Gott bleibt an der Seite der Menschen, Gott hört unsere Klagen, Gott fühlt unsere Angst, Gott hält unseren Schmerz mit aus, Gott bestärkt uns in unserer schöpferischen Kraft, nach Wegen zu suchen und Lösungen zu finden, Gott schenkt uns Zuversicht, denn wir sind und bleiben hineingestellt in den großen Horizont der Liebe Gottes.

Das WARUM? bleibt offen, auch die biblischen Frauen und Männer lassen diese Frage offen, sie ist für uns Menschen nicht zu beantworten.

Das Leben stellt uns vor unerwartete Herausforderungen, das Leben ist lebensbedrohlich. Im Vertrauen auf Gott an unserer Seite vermögen wir diese Herausforderungen zu bestehen, das bedrohte Leben zu leben.
Ich glaube, dass es hilfreich ist, im Umgang mit dieser Krise und im Umgang mit allen Wechselfällen des Lebens, uns darauf zu besinnen und uns gegenseitig daran zu erinnern, wie das gehen kann, Gott hat es uns gezeigt in Jesus: solidarisch leben und handeln im Vertrauen auf die Liebe, die stärker ist als der Tod.

In dieser Zeit wünsche ich uns Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei und das Stärkste, die Liebe - mit Gott und untereinander - als österliches Geschenk. Und ich wünsche uns, dass Gottes schöpferische Geistkraft in uns wirken möge - zu unserer Überraschung - als Pfingstgeschenk.

Christiane Friedrich, Pastoralreferentin im Dekanat Wittlich,

Wittlich, Ostern und Pfingsten 2020

Die Stärke

Man erkennt mich nicht so leicht. Ich bin selten da, wo man mich sucht. Das, was sich stark nennt, ist oft nur zu schwach, um sich zu seiner Schwäche zu bekennen.

Ich bin da, wo man mich schnell übersieht. Zum Beispiel in dem hauchdünnen Faden aus Spinnseide.

Viermal so hart wie Stahl. Ich trage nicht auf. Und ich bin flexibel. Ich kann mich auf alles einstellen und zerreiße dabei nicht.

Ich scheue mich nicht vor Unorten. Ich kenne Krippe, Kreuz und Krankenzimmer. Mächtig bin ich in den Schwachen.

Frank Hoffmann,

in: Andere Zeiten e.V. (Hg.), Mein Fasten-Wegweiser "wandeln", Hamburg 2020

ZUVERSICHT

Gerade in dieser Zeit mit diesem nicht sichtbaren Virus merken wir Menschen, dass das Leben lebensgefährlich ist. Einmal mehr bekommen wir das als ganze Gesellschaft, länderübergreifend, ja weltumspannend vor Augen gehalten. Darauf reagieren wir mal ängstlich, verzweifelt, mal ruhig, gelassen, mutig und hoffnungsvoll.

Als Christin erinnert mich das an Jesus und seine Botschaft. In der Bibel erzählen die Frauen und Männer um Jesus, wie er am Abend vor seinem Tod ihnen seine Botschaft ein letztes Mal verdeutlicht: er wäscht ihnen die Füße und er teilt mit ihnen Brot und Wein und bittet sie, dies immer wieder zusammen zu tun.

Für mich wird hier das Wesentliche zusammengefasst, wie wir zusammenleben und Lebenskrisen miteinander durchstehen können: „einander achten“ und „miteinander teilen“.

„Einander achten“ und „miteinander teilen“ in dieser Lebenskrise könnte zwischenmenschlich heißen: Zeit miteinander teilen, Einander zuhören, Fragen zulassen, Einander verstehen lernen, Ängste miteinander aushalten, Einander Vertrauen schenken, Gemeinsam Wege ausloten bei existentiellen Sorgen und Nöten, Einander Zuversicht schenken, Miteinander lachen, Freude teilen.

Einmal mehr sehe ich uns herausgefordert, in unserer Gesellschaft, länderübergreifend, ja weltumspannend, religionsverbindend unterwegs zu sein und solidarisch zu leben und zu handeln zusammen mit den Schwächsten, den Ärmsten, den zwischen den Ländergrenzen gestrandeten Geflüchteten. 

Das Leben stellt uns immer wieder vor unerwartete Herausforderungen. Uns allen wünsche ich, sie gemeinsam zu bestehen und unser bedrohtes Leben solidarisch zu leben in Hoffnung, mit Zuversicht und im Vertrauen auf Gott an unserer Seite, daran glaubend: … in das Ungewisse deiner Zukunft, in den Segen deines Helfens, in das Elend deiner Ohnmacht, in all dein Sein, in dein Fühlen und Denken lege ich meine Zusage: Ich bin da.       

(aus Lied: „In das Dunkel“ von Paul Weismantel und Barbara Kolberg 2007)

Christiane Friedrich, 

Pastoralreferentin für Erwachsenenbildung im Dekanat Wittlich